leonardo da vinci : der codex leicester

Leonardo_surfer

diese website präsentiert die gedanken leonardo da vincis aus dem codex leicester. die website wurde anläßlich der ausstellung "leonardo : beuys - der codex leicester : zeichnungen" im internet veröffentlicht. der folgende text entstammt dem konzept der ausstellung im museum der dinge, berlin.

welträtsel in spiegelschrift

eine kaum verblasste schrift aus buchstaben und figuren, die manchmal an hieroglyphen erinnern; eine verrätselte textur, die nur mittels eines spiegels zu entziffern ist; eine epocheneröffnende wissenschaft, verfaßt im italienisch des ausgehenden mittelalters; sternengeheimnisse und welträtsel, durchsetzt mit dem idiom toskanischer bauern: das museum der dinge begrüßt das neue jahrtausend mit einem funkelnden schatz aus der mitte des vergangenen milleniums. es zeigt, in schützendem dämmerlicht, den codex leicester von leonardo da vinci.

es handelt sich um ein manuskript – eines der bedeutendsten, die von der hand leonardos erhalten sind. auf 18 eng in spiegelschrift beschriebenen und mit vielen zeichnungen versehenen, zu 72 seiten gefalteten doppelblättern legte leonardo zwischen 1506 und 1510 eine fülle von naturbeobachtungen, technischen skizzen, erfindungen, spekulationen und gedankenspielen in ungeordneter folge nieder. sie zeichnen ein bild vom körper der erde als lebendigem organismus; hauptthema ist die natur des wassers. in leder zu einem notiz- oder merkbuch gebunden trug er die blätter mit sich. wir beobachten, wie leonardo über licht und schatten sinniert, über ebbe und flut, über das licht des mondes, über urzeitlich und endzeitliche phänomene.

wissenschaften und künste durchfluten sich

leonardos manuskript gleicht einem sich ausbreitenden wellenkreis, der erzeugt wird von einer schier unermüdlichen matrix: ein nie zur ruhe kommender trieb zur umwandlung übersetzt intuitionen, ideen, visionen in texte, prophezeiungen, zeichnungen, technische entwürfe und apokalyptische alpträume, - wobei alle diese sphären sich berühren und durchdringen, wissenschaften und künste sich gegenseitig durchfluten, befruchten und beunruhigen.
zeichnungen und wörter tauschen dabei ihre funktionen aus: die zeichnungen erklären zusammenhänge, die texte fließen über von poetischen bildern. wir erleben, wie leonardo in die tiefe des alls vordringt – und wenn wir unser auge auf zentimeter dem manuskript nähern, entdecken wir in der mitte dieses universums ein winziges loch, das der künstleringenieur vor 500 jahren mit einem zirkel hineingestochen hat.

das außerordentliche ereignis der begegnung mit leonardos originalen wird durch ein weitgefächertes kommentierendes programm ergänzt: ein zwölf meter hoch aufwärts rauschender wasserfall und zahlreiche, zum teil interaktiv eingerichtete wassermodelle bieten dem besucher anschauungsmaterial, sechzehn computer locken ihn, sich in leonardos denkräume hineinzuwagen.

wissenschaftliche analyse, spekulatives denken und künstlerische praxis

durch den schreibfehler eines archivars in der spanischen nationalbibliothek war ein anderes manuskript von leonardo da vinci für jahrhunderte aus dem gedächtnis der welt verschwunden. als diese codices madrid 1965 wiederentdeckt und 1974 veröffentlicht wurden, war das nicht nur ein weltweit beachtetes ereignis; die auseinandersetzung mit diesem fund führte zu einer folge von zeichnungen, die joseph beuys 1975 in eine schulkladde gebunden als multiple publizierte. das museum der dinge zeigt die 96 blätter in der nachbarschaft des codex leicester und eröffnet damit einen spannungsbogen von der renaissance in die gegenwart hinein.
joseph beuys hatte sich, als er die zeichnungen zu den codices madrid herstellte, schon ein vierteljahrhundert lang mit der arbeit leonardos beschäftigt. ihn faszinierte daran vor allem anderen das potenzierende zusammenspiel von wissenschaftlicher analyse, spekulativem denken und künstlerischer praxis. die integration dieser sphären hatte in der renaissance eine blüte erlebt, die jedoch schon bald unter der hegemonie der naturwissenschaften verdorrte. beuys´ zeichnungen geben sich als notate, entwürfe, ideenspots zu erkennen, als versuchsanordnungen, die darauf abzielen, die nach leonardos epoche verlorene einheit von wissenschaft und kunst, natur und spiritualität für die gegenwart zurückzugewinnen.

die gegenüberstellung dieser beiden künstler mag auf den ersten blick überraschung auslösen. was sie eint und was sie trennt bringt die ausstellung mit zitaten, erläuterungen und akustisch-theatralischen mitteln zur erscheinung, ohne die eigenständigkeit der präsenz der werke anzutasten.
beuys positionen mögen anregungen dazu geben, leonardo in einem neuen licht, in einem erweiterten horizont zu sehen.
das museum der dinge, das durch sein fächerübergreifendes programm der idee der transdisziplinarität verpflichtet ist, schätzt sich glücklich, in der auseinandersetzung mit dem beiden künstlern seine eigenen intentionen besser verstehen zu lernen.

der codex leicester wurde dem museum der dinge von melinda und bill gates für die ausstellung geliehen, die zeichnungen zu den codices madrid vom dia center for the arts, new york. das projekt ist in kooperation mit dem haus der kunst in münchen entstanden und wurde durch die großzügige förderung von debis und microsoft ermöglicht.

 

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